Mein Leben in zwei Kulturen – Erkenntnisse am Ende einer langen Reise

Weihnachtliche Grübeleien von José Punnamparambil

Ich bin vor 84 Jahren in einer christlichen Familie im südindischen Staat Kerala geboren. Unser bescheidenes Haus war in einem kleinen Dorf, umgeben von Reisfeldern und Kokosnussbäumen. Mein Vater verdiente unseren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft. Wir waren fünf Kinder und meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und Verwandtschaftsbeziehungen. Ich wuchs auf, mitten drin verschiedenartiger Bäume und Pflanzen, Tiere und Vögeln. Zu Weihnachten machte meine Mutter eine besondere Art runden Dampfkuchen aus Reismehl, den wir Watteppam nannten. Stücke von diesem Kuchen aßen wir als wir nach der Mitternachtsmesse nach Hause kamen. Vor Ostern kam eine Tante zu uns während der Passionswoche und rezitierte Strophen aus dem Epos „Puthenpaana“ über die Schmerzen Muttergottes, verfasst in unserer Sprache Malayalam von dem deutschen Jesuit-Missionar Johann Ernst Hanxleden (genannt „Arnos Pathiri“ in Kerala), der von 1701 bis 1732 in Kerala lebte und wirkte.

Aus meiner Familie war ich der Erste, der ein Bachelorstudium an der Uni machte. Aber das hat mir nicht geholfen, in meinem Heimatstaat einen Job zu finden. So wanderte ich 1957 in die Großstadt Mumbai aus. Es war ein risikoreiches Abenteuer, in einer Millionenstadt meine Zukunft zu suchen, nachdem ich davor die zwanzig Jahren meines Lebens in ländlicher Umgebung gelebt hatte. Die ersten zwei Nächte in Mumbai musste ich auf der Straße verbringen, dann holte ein Freund mich ab und brachte mich in seine WG unter. Es ging dann Alles blitzartig aufwärts. Ich bekam eine kleine Stelle als Sachbearbeiter, dann eine bessere Stelle, danach machte ich mein Masterstudium und schließlich landete ich an einem College als Dozent. Bald kam der große Sprung nach Deutschland im Jahr 1966. Dort lebe ich seitdem, verheiratet 1968 mit meiner Frau, ebenfalls gebürtig aus Kerala. Beruflich war ich verschiedentlich tätig: als freiberuflicher Journalist, als Sozialberater, als Lehrer, und als Fachbereichsleiter bei einer entwicklungspolitischen Organisation.

So lebe ich seit 54 Jahren hier mitten in Europa und seinem sich vermehrenden Wohlstand, völlig angepasst und mit Bedürfnissen und Verhaltensweisen, die in vieler Hinsicht denen eines „Durchschnittsdeutschen“ ähneln. Ich weiß heute, was es bedeutet, in einer „hochentwickelten“ Gesellschaft zu leben. Vieles, was ich in den letzten Jahren erreicht habe, erfüllt mich mit Stolz und Genugtuung. Ich kann mir heute die meisten materiellen Wünsche erfüllen, ich blicke in die Zukunft ohne große Sorgen. Ich konnte vielen Menschen aus meiner Verwandtschaft sowie anderen Bedürftigen in Indien helfen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Ich genieße viele Freiheiten. Meine Erlebniswelt ist vielschichtiger und abwechslungsreicher geworden. Ich kann gestalten, mitwirken, teilhaben und selbstständig Entscheidungen treffen. Alles in allem habe ich an Lebensqualität riesig dazu gewonnen.

Aber in manchen unachtsamen Momenten werde ich von Zweifeln heimgesucht. Ist das aus dem Westen in alle Himmelrichtungen transportierte Entwicklungsmodell das einzig richtige, einzig gerechte? Welchen Stellenwert haben die Erfahrungen und kulturzivilisatorischen Leistungen anderer Völker in dem dominierenden westlichen Lebensmodell? In den über fünf Jahrzehnten dauernden Leben in Europa habe ich viele Strömungen miterlebt, mitgetragen, manchen auch widerstanden. Heute denke ich, wir brauchen eine Begrenzung des Konsums. Weniger kann mehr sein. Menschen sollten mehr Zeit für sich haben, mehr Zeit für die Kinder, für alte Menschen, für Familie und Gesellschaft, für Begegnungen und geistige Auseinandersetzungen. Ich bin auch überzeugt, dass wirtschaftliches Wachstum und technischer Fortschritt allein keine Entwicklung sind, auch nicht Reichtum, der ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen vermehrt wird.

In der letzten Zeit habe ich oft die christlich geprägte Lebensanschauung mit der hinduistisch geprägten Weltanschauung verglichen. Dabei komme ich zu folgender Analyse: Im Westen gilt anscheinend der Grundsatz, dass man auf der Erde eigene Frömmigkeit vertieft und Tugenden praktiziert. Man versucht, nach einem überlieferten Verhaltenskodex perfekt zu leben – friedlich, solidarisch mit den anderen, barmherzig, rücksichtsvoll und gerecht. Je höher einer auf dieser Leistungsskala steht, desto mehr Chancen hat er/sie, die Erlösung zu erlangen. Dieser positive Ansatz verlagert sich auch auf die materielle Ebene, auf der der westliche Mensch sein Leben führt. Er sammelt dies und das in seinem Leben, er versucht, die von der Natur gegebenen Grenzen zu überwinden. Er erweitert und diversifiziert seine Erfahrungs- und Erlebniswelt. Mit Hilfe von Erfindungen und Innovationen verbessert er ständig seine Lebensbedingungen. Sein Ziel ist es, alles mehr, besser und vielfältiger zu haben. Der Hang zur Perfektion bei der Gestaltung des materiellen Lebens wirkt wie ein unaufhaltsamer Antrieb auf ihn.

Bei der hinduistisch geprägten Kulturtradition merkt man dagegen, dass im Zentrum des geistigen Strebens nach Erlösung ein unverkennbares „Verzicht-Ethos“ steht. Der Weg, der zur Erlösung führt, beginnt dort, wo man die grundlegende „Täuschung“ dieses materiellen Daseins erkennt und akzeptiert. Eigentlich ist der Mensch ein Gefangener unzähliger Illusionen. Was er für real hält, ist nur eine Scheinwirklichkeit. Es gibt nichts Beständiges im Leben, alles verändert sich. Was man für Wirklichkeit hält, ist tatsächlich nur ein Zustand der immerwährenden Veränderung. Deshalb kann man sich an nichts festhalten, an keinem Besitz, an keiner Glückserfahrung, an keiner körperlichen oder geistigen Leistung. Richtige Weisheit ist, diese Wahrheit zu erkennen und zu akzeptieren. Indem man durch verschiedene Phasen im Leben marschiert – durch Kindheit, Jugend, Familienleben etc. –. kommt man der Erkenntnis dieser Wahrheit näher. Die logische Folgerung ist, dass man beginnt, sich zurückzuziehen und auf materiellen Besitz zu verzichten. Auf dem Weg der Entsagung und Askese kehrt man langsam zurück zu der ursprünglichen Leere bis zu dem Punkt, in dem der Zustand Sein nicht mehr vom Zustand Nicht-Sein zu unterscheiden ist. Dies ist der Moment, in dem sich die Tür zur Erlösung öffnet.

Deutlich wird: Das Ziel der beiden Kulturen ist dasselbe, aber die Wege dorthin unterscheiden sich radikal. Der westliche Ansatz ist positiv besetzt, er treibt uns zum Handeln. Sein Glaube an die menschliche Fähigkeit, die eigenen Grenzen und Schwächen zu überwinden und die Erlösung zu erreichen, ist unerschütterlich. Der Zustand, in welchem sich der Mensch befindet, wird als veränderbar begriffen, man sieht ihn als eine Herausforderung an. Das Gegenteil scheint in der indischen Tradition der Fall zu sein: Man akzeptiert ohne großen Protest den Zustand, in den man hineingeboren wurde, man erkennt auch schnell die Sinnlosigkeit manches groß angelegten Handelns. Man sieht allmählich ein, dass Glück durch Besitz und Leistung eigentlich eine Falle ist, weshalb es keinen Sinn zu haben scheint, große Anstrengungen in Richtung Vermehrung materiellen Reichtums zu machen. Ich glaube, meine geistige Heimat liegt heute dort, wo diese zwei Weltanschauungen zusammenfließen.

Ihnen Allen ein gesegnetes Weihachtsfest!

Herzliche Grüße

Jose (Punnamparambil)

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