„Second Class Sleeper“ – Mit dem Zug von Kerala nach Bengalen

Ein Reisebericht von Hartmut Schmidt, Freiburg

Fast 46 lange Stunden, zwei davon „ungeplante“ Verspätung, schlängelte sich der Guwahati Express über die 2509 km vom Ausgangspunkt Ernakulam in Kerala bis nach Bolpur/ Shantiniketan in West-Bengalen, wo ich gemeinsam mit meinem  13-jährigen Sohn am 30., aber noch nicht letzten Stopp des Zuges, dann endlich aussteigen durfte und mich mein Lehrer samt Fahrradriksha am Bahnhof schon erwartete.

Shantiniketan

Zugegeben, auch ich war froh, als wir unser Ziel erreicht hatten und mit der Gewissheit aussteigen konnte, dass der Rückflug von dieser 5-wöchigen Indienreise in Kolkata starten wird, was mit knapp 3 Stunden Fahrdistanz praktisch um die Ecke liegt. Im Vorfeld unserer Reise hatten doch so einige Menschen in Deutschland ihre Bedenken angemeldet, was die geplante und für ihr Verständnis viel zu lange Zugfahrt anging. Naja, was man/frau nicht auf Anhieb versteht, muss deswegen ja nicht gleich schlecht oder womöglich gar nicht durchführbar sein. Ich fand diese Reise toll, was mit Einschränkungen auch für meinen Sohn gilt, und wer nicht will, der muss sie ja nicht machen bzw. so reisen. In der hektischen Zeit, in der wir uns befinden, ist vielleicht gerade das der wirkliche Luxus: Zeit zu haben. Sich einfach mal die Zeit nehmen, den Alltag entschleunigen und die Langsamkeit genießen, wünschen sich wohl viele. Ich befürchte allerdings, dass die wenigsten überhaupt etwas mit der so „gewonnenen Zeit“ anzufangen wüssten. Etliche würden von einem schlechten Gewissen geplagt, ob der verpassten Gelegenheit mehr „Wichtiges“ erledigen zu können, und müssten sich womöglich gar rechtfertigen wegen dem Heraustreten aus dem Mainstream. Manche haben vielleicht auch einfach nur Angst, Angst davor ins Grübeln zu kommen, wenn es ruhiger und stiller wird, und Angst davor zu zweifeln, wenn sie auf ihre Situation, auf das Erreichte und auf die unerfüllten Wünsche und Träume in ihrem Leben zurückblicken. „Second Class Sleeper?“ Da staunten auch viele meiner indischen Freunde und ihnen wollte, verglichen mit den Gesamtkosten meiner Indienreise, der hier gezeigte Sparansatz nicht einleuchten. Nicht nur das, auch die Vorstellung – und genau so kam es ja dann auch – uns die ganze Fahrt über mit Wanderarbeitern aus West-Bengalen und Bihar in einem Abteil zu wissen, war ihnen nicht geheuer. Sie befürchteten – zu Unrecht – Diebstahl, unmögliche sanitäre Verhältnisse und Essen, das mir und meinem Sohn auf den Magen schlägt. Aber um das Sparen von vergleichsweise bescheidenen Summen ging es hierbei ja nicht. Den langsamen Wechsel von Landschaft, Sprache, Gesichtern und Essensangeboten miterleben zu dürfen und Begegnungen mit Menschen zu haben, auf die man in A/C, der ersten Klasse, oder gar bei einem günstigen Flug eben nicht trifft, das war mir wichtig.

Fliegende Händler, nach deren Einschätzung, betrachtet man ihre vielfältigen Angebote, doch recht viel „notwendig“ zu sein scheint um eine Fernreise mit dem Zug in Indien zu überstehen und bettelnde, etappenweise mitfahrende Menschen jeglichen Alters prägten die Stunden am Tage. Dazu natürlich noch das zugeigene Begleitpersonal mit Essen und Getränken und ab und an etwas Besonderes: gute Musiker und Hijras (Transsexuelle). Letztere sind vornehmlich in Nordindien beheimatete und in Gemeinschaften lebende Männer, die ein Leben in Frauenkleidern führen und die mit ihrer männlichen Identität nicht zurechtkommen. Viele lassen sich operieren. Da sie aufgrund dessen praktisch keine Chance auf den Bezug eines regulären Einkommens haben, erscheinen sie in Gruppen bei Hochzeiten und Geburten, um zu tanzen oder eben auch in Zügen und erbitten „Spenden“. Weil keiner ihren Zorn oder unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte, wird ihnen meist schnell etwas zugesteckt. Das selbstbewusste Auftreten tut ein Übriges. Auch meine Mitreisenden, eben jene Wanderarbeiter aus Bengalen, gaben bei zwei, drei Gelegenheiten spontan, was sie konnten. Als ihnen aber kurz vor Kolkata dann erneut drei Hijras gegenüber standen, hatten sie offensichtlich keine Lust mehr. Eine der Hijras hob dann nach einigem Hin und Her einfach ihren Sari hoch und zeigte – was Unglück bringen soll – den sichtlich beeindruckten Bengalen ihre Blöße. Schnell wechselten ein paar hastig zusammengesuchte Rupee-Noten ihre Besitzer und die drei „Damen“ – die mich nie ansprachen – zogen weiter.

„Kunchan Nambiar nahm keine Rücksicht, die klassischen Geschichten waren ihm egal“. Als ich meinen einwöchigen Übersetzungsunterricht mit P. Mohan Kumar in Shantiniketan begann, sagte er mir diese Worte. Mir wurde auf einmal wieder bewusst, was für einen Mut, was für eine Kraft und was für einen Idealismus dieser „Guru, dem ich persönlich nie begegnet bin“ seinerzeit gehabt haben muss.

In der Geschichte über den berühmten König Nala (Nala Caritam, Ottan Thullal Stil) und der Prinzessin Damayanti z. B. fliegt ein goldfarbener Schwan zwischen den beiden Verliebten hin und her und übermittelt Botschaften. Nambiar lässt diesen Schwan auf einem Baum landen, mit Blick in den Innenhof eines typischen keralesischen Hauses und beschreibt ausgiebig Szenen des  familiären Alltags.

Die Geschichte Kumbhakarnna Vadham (Parayan Thullal Stil), in deren Verlauf der riesige Bruder des Dämonenkönigs Ravana stirbt, wird von dem Poeten genutzt, um auf die „menschliche Schwäche“ des Ehebruchs und deren Folgen hinzuweisen. Kumbhakarnna, der durch einen Versprecher – Nidrāvatvam = immer wiederkehrender Schlaf statt Nirddēvatvam = Wunsch nach der Abwesenheit/Nichtexistenz der Götter – regelmäßig in einen tiefen Schlaf fällt, soll Ravana beim erbitterten Kampf um Lanka zur Seite stehen. Zwei der Soldaten, die beim Aufwecken von Kumbhakarnna mit dabei waren, unterhalten sich darüber, was einem Mann wiederfuhr, der einen Dorfkommandanten betrogen hatte. Er umwarb heftig die sehr junge und schöne Frau des Kommandanten und nutzte dessen 10-tägige kampfbedingte Abwesenheit für ein intensives „Abenteuer“. Der Kommandant ahnte schon etwas bei seiner Rückkehr und tat so, als habe er sein Augenlicht im Kampf verloren. Das Liebespaar wurde schnell immer dreister und traf sich selbst im Schlafzimmer der Frau, obwohl der scheinbar erblindete Ehemann direkt daneben saß. Er konnte es irgendwann nicht mehr ertragen und schnitt in seiner Wut schließlich dem ertappten Ehebrecher die Nase und die Ohren ab und warf ihn aus dem Haus. Seine Frau verlor ihr Haar und wurde anschließend – nach weiterem Entstellen ihrer Schönheit – zurück zu ihren Eltern geschickt. Ravana, so glauben die beiden Soldaten, wird ein ähnlich schlimmes Schicksal ereilen. Er raubte König Rama die Frau und brachte sie nach Lanka. Er begehrte etwas, was er nicht begehren durfte, Apamānam – Missachtung und Respektlosigkeit – ihm gegenüber sind die Folgen. Am Schluss kommt dann der Tod.

Dieser Ausflug ins Dorfleben von Kerala im 18. Jh., um das Unrecht und Schicksal eines Dämonenkönigs aus dem Ramayana Epos volksnah „zu erläutern“, diese Geschichte in der Geschichte, nimmt fast ein Fünftel von den 565 Zeilen Gesamtlänge ein und ist ein typisches Stilmittel in den gut 40 Thullal-Texten, die dem Poeten Kunchan Nambiar zugeordnet werden. Gefallen hat das längst nicht allen seinen Zeitgenossen, was Nambiar jedoch nicht weiter störte. Er prangerte weiter unaufhörlich die sozialen Missstände an, vermittelte philosophisches Wissen in der Sprache der einfachen Menschen und nicht in Sanskrit und blieb dabei immer seinem Grundsatz treu, dass eine Präsentation auf der Bühne, das Unterhalten von Publikum, nur mit viel Humor gelingen kann. Wer lacht bleibt sitzen und möchte mehr hören, bleibt aufmerksam und kann so viel besser die vielfältigen Andeutungen zwischen den Zeilen erkennen und aufnehmen. Wer lacht, hat mehr vom Leben, das gilt sicher auch z. T. für all diejenigen, die andere mit ihrer Kunst zum Lachen und Schmunzeln bringen wollen

Allgemein, News

About the author

The author didnt add any Information to his profile yet
No Responses to “„Second Class Sleeper“ – Mit dem Zug von Kerala nach Bengalen”

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.